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Mein 9. November 1989

Montag 29 September 2014 at 12:36 pm.

Vorab meine persönlichen Erinnerungen an den 9. November 1989. Im Kanon mit den Beiträgen vieler Leser und Autoren des P-S erscheint der Artikel in der Ausgabe 06/2014 zum 1. November:

Thomas Steierhoffer aus Panketal:

Am Abend des 9. November 1989 saßen wir mit Freunden in Berlin-Buch zusammen und diskutierten über die Ausreisewelle aus der DDR und über die „Großmutter mit den großen Zähnen“, Egon Krenz. Plötzlich meldete die „Tagesschau“, Schabowski habe die bedingungslose Ausreisemöglichkeit für alle DDR-Bürger mit sofortiger Wirkung verkündet. Wir nahmen das zur Kenntnis, aber irgendwie glaubten wir nicht daran und gingen kurz vor Mitternacht ins Bett.
Am nächsten Morgen begann mein Dienst um 7 Uhr, wie immer. Als ich in den OP der II. Chirurgischen Klinik im Klinikum Berlin-Buch kam, war die ganze Mannschaft in heller Auflösung. RIAS Berlin sendete live von der Bornholmer Straße und vom Kurfürstendamm. Langsam trudelten die OP-Schwestern ein, eine brachte eine Flasche Sekt mit und kreischte vor Freude: „Wisst ihr, wo ich jetzt herkomme?“ Nun, wir ahnten es. Sie kam von der nächtlichen Party auf dem Ku’damm. Ich konnte mich nicht mehr einkriegen und verfluchte meine Nachtruhe. Doch ich hatte im Laufe der vergangenen Wochen so viele Überstunden aufgetürmt, dass meine OP-Chefin, Schwester Helga, mir frei gab. Der 1. Oberarzt, Dr. Eckhard Bärlehner, kam ins Dienstzimmer, strahlte und verkündete, dass es heute keine geplanten Operationen geben würde. Ich rief meine Frau an, sie solle die Kinder fertigmachen: „Wir fahren nach West-Berlin!“
Der Stau von der Bornholmer Brücke reichte bis zur „Spitze“, wir saßen in unserem Trabbi und schoben uns zentimeterweise an den Grenzübergang. Stundenlang mussten wir warten, doch das störte uns kaum. Auf der Brücke - der Grenzstrich lag bereits ein paar Meter hinter uns - erwarteten uns die West-Berliner mit Coca-Cola, Sekt, Bier, Bananen, Schokolade. Sie trommelten auf das Dach unserer Pappkutsche und rüttelten das Teil so richtig durch. Wir waren im Wedding, von dem wir bislang nur wussten, dass er mal ein „Arbeiterbezirk“ gewesen sein soll. Dann fanden wir einen Parkplatz in Höhe Gesundbrunnen und liefen die Straßen entlang. Nein, wir schwebten! Plötzlich bat uns ein Anzugträger in eine Bankfiliale, die fast leer war. Dort bekamen wir 400 DM Begrüßungsgeld. Ich wunderte mich noch, dass auch die Kinder beschenkt wurden. „Willkommen in Berlin“, lächelte die Frau am Kassenschalter. Mit so viel Geld in der Tasche zogen wir durch den Wedding und kauften für unsere Tochter Franziska, die damals drei Jahre alt war und hellwach, ein paar Hausschuhe mit Mäusegesicht.
Die Zeit verging wie im Flug, plötzlich war es dunkel. Wir suchten unseren Trabbi, fanden ihn schließlich im Menschenmeer und machten uns auf den Heimweg. Da fragte Franziska auf einmal: „Papa, wann klopfen die wieder auf unser Auto?“ Sie hatte ihre Schokolade lange schon aufgegessen ...
Fortsetzung von Seite 3
Am nächsten Tag reichte ich Urlaub ein. Und so hatten wir die Chance, an fast jedem Mauerdurchbruch von der Wollankstraße bis zum Brandenburger Tor, zum Potsdamer Platz, Bernauer Straße und zum „Checkpoint Charlie“ live dabei zu sein. Es war wie im Traum! Die Begeisterung der Menschen aus Ost und West gleichermaßen wollte kein Ende nehmen. Eine Sternstunde und ein Glücksfall der deutschen Geschichte war das. In diesen Wochen gab es keinen Hass und keinen Neid. Allein Freude und Glück strahlten aus allen Gesichtern. Mit einem Teil des Begrüßungsgeldes kaufte ich angeblich für meinen knapp einjährigen Sohn Tobias eine ESSO-Tankstelle von Playmobil mit allem, was dazugehört. Um ehrlich zu sein, ich selbst erfüllte mir damit einen Kindheitstraum. Von meinem ersten Besuch in der Plattenabteilung des KaDeWe möchte ich erst gar nicht zu schwärmen beginnen. Es war unglaublich! Alle, aber auch wirklich alle meiner Helden waren hier auf Vinyl zu bekommen. Ich entschied mich zunächst jedoch für ein Zehnerpack Chromdioxyd Kassetten, 90 Minuten, von Agfa. Schließlich konnte ich damit mindestens 20 Alben überspielen.
Auch erinnere ich mich noch voller Begeisterung an die logistische Meisterleistung der BVG. Immer, wenn die Autokräne die Mauersegmente weggehoben hatten, standen die gelben Doppeldeckerbusse bereit, um die Menschen ins Zentrum zu fahren. Zum Nulltarif!

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